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BLOG vom 12.05.2016


Das Verhalten der Kohlmeise vor meinem Fenster

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Ich öffne die Terrassentür. Die Kohlmeise befindet sich im Anflug auf das Vogelhäuschen, das neben der Tür auf einem Gartenschrank steht, und in dem 6 hungrige gerade geschlüpfte Vogelkinder auf Futter warten. Die Meise hat eine Raupe im Maul. Der Vogel sieht in mir eine Gefahr, ändert seinen Anflug und versteckt sich in der Birke, die in der Nähe steht.

Ich hänge die Wäsche auf einen Ständer und gehe wieder ins Haus. Das andere Teil des Elternpaares fliegt heran, überwindet die Scheu und schlüpft durch das Eingangsloch zu seinen Kindern. Pausenlos fliegen die Vogeleltern und schleppen Insekten und Raupen heran.

Was ich beobachte, ist angeborenes Verhalten. Allerdings kann ich vom Innenleben und den Beweggründen eines Vogels nicht viel wissen. Ich projiziere, also übertrage meine anthromorphen Vorstellungen über die Gründe des Verhaltens auf die eines Vogels.

Dabei gehe ich von Beobachtungen aus, die ich an mir selbst und am Verhalten anderer erkannt habe. Ich erkenne in mir den inneren Drang, meine Familie zu beschützen, was man als Brutreflex bezeichnen könnte. Wenn Gefahr droht, entsteht in mir ein Fluchtreflex. Wenn meine Familie Schaden erleiden könnte, entsteht in mir ebenso eine Handlungsbereitschaft.

Das heisst, wir teilen ein Teil unserer Entwicklungsgeschichte mit anderen Tierarten. Was uns Menschen unterscheidet, ist, dass wir meinen, Erkenntnis über das Verhalten zu haben, also zu wissen, warum wir das tun. Das haben wir aber nur deshalb, weil wir sie in Sprache kleiden können. Wenn wir Menschen Bewusstsein von etwas haben, ist es in einer Sprache formuliert.
Wir haben Zugriff auf Informationen, die mit einer Aussenperspektive und Aussenwahrnehmung verbunden ist.

Ob Tiere auch ein phänomenales Bewusstsein, also ein rein subjektives bewusstes Erleben besitzen, weiss ich nicht. Ich kann es auch nicht ausschliessen. Haben Vögel ein Geschmackserlebnis? Bisher habe ich noch nicht beobachten können, dass die Brut das Futter, etwa eine kleine Raupe, abgelehnt hat und die Mutter damit wieder aus dem Vogelhäuschen herausgeflogen ist, um etwas anderes herbei zu bringen. Ein bestimmtes Bewusstsein von Farbe wird wahrscheinlich vorhanden sein, sonst wäre es unmöglich, jedenfalls in meiner eigenen Wahrnehmung, eine Raupe auf einem Blatt zu entdecken. Farbempfinden könnte mit Geruchsempfinden einhergehen. Wärmeempfinden könnte man ebenfalls voraussetzen, weil ein Fehlen dazu führen könnte, dass die Vogelbabys erfrieren. Wie steht es mit der Hygiene? Vogeleltern befördern den Kot des Nachwuchses im Schnabel aus dem Vogelhäuschen heraus. Ob sie „wissen“, dass daraus Krankheiten entstehen könnten?

Wissen würde verstandesmässiges Bewusstsein und Gedächtnis bedeuten.
Fritz Mauthner (22. November 1849 – 29 Juni 1923) schreibt dazu:

Dass aber zwischen Tierverstand und Menschenverstand nur ein Gradunterschied bestehe, das bleibt so lange eine unklare Redensart, als wir nicht die Art der geistigen Tätigkeit näher bestimmen, welche bei Tieren und Menschen dem Grade nach verschieden ist. Das ist aber diejenige Tätigkeit, welche wir bald in ihrer Kraft, bald in der Sammlung ihrer Kraftleistungen das Gedächtnis nennen. Es ist vorhin die, wie ich glaube, fruchtbare Bemerkung gemacht worden, dass Verstandestätigkeit sich auf die Gegenwart beziehe. Entspricht das dem Sprachgebrauch, so können wir wieder die Ausdrucksweise Schopenhauers für uns in Anspruch nehmen, der den Tieren den Verstand gibt, um ihnen die Vernunft zu nehmen. Es ist gewiss richtig, dass die Tiere ein viel geringeres , ein anders arbeitendes Gedächtnis haben als wir, dass sie darum in äusserst hohem Grade in den Kreis der Gegenwart gebannt sind, dass sie ihre Erinnerungen nicht in so ausserordentlicher Weise kombinieren können wie wir; und das ist es im Grunde, was allein Schopenhauer meinen kann.“

Mauthner  weist auch darauf hin, dass „alles Wissen ohne Ausnahme aus der Erfahrung stamme“. Erfahrung wird im Gedächtnis gespeichert und daraus erfolgt ein Denkakt, der zu einem bestimmten Verhalten führt.

Daraus würde folgen, dass angeborenes Verhalten nichts mit Wissen im anthromorphen Verständnis zu tun hat. Es ist genetisch bedingt und beinhaltet erbliche Merkmale, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Quelle:
Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Zweiter Band: Zur Sprachwissenschaft, Ullstein-Buch, Frankfurt/M; Berlin; Wien 1982, S. 696

 

Hinweis auf einen weiteren Kohlmeisen-Blog von Richard Gerd Bernardy 

04.07.2013:  Kohlmeisen-Geburt: eine natürliche, private Familiensache

 


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