Ignaz P.V. Troxler (1780 – 1866), Philosoph des Widerstandsrechts
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU
Auch über Jakob Robert Steiger (1801 – 1862) u. weitere Troxler-Schüler, Hinweise auf Hintergründe
Red. Am 16. Mai 2026 hielt Autor Dr. phil. Pirmin Meier im Naturama Aarau einen Vortrag über den in Beromünster geborenen und in Aarau verstorbenen wegweisenden Schweizer Staatsphilosophen Ignaz Paul Vital Troxler mit Bezug zu seinen bedeutenden Schülern, die durchwegs zu den Pionieren der Bundesverfassung von 1848 gehören. Es ging um Widerstandsrecht und konstruktive Opposition in der Schweizer Philosophie und Politik zur Zeit von Revolution, Restauration und Regeneration. Der auswendig gehaltene Vortrag wurde vom Veranstalter auszugsweise ins Internet gestellt. Die vorliegende Version des mehr als einstündigen Vortrags ergänzt denselben teilweise und gibt wesentliche Teile des Manuskripts wieder
Der im Internet abrufbare Video-Auszug des Troxler-Vereins über das aus heutiger Sicht ganz andersartige Asylwesen vor 1848, mit den Griechen, Polen und im Kanton Aargau 1844/45 gegen 2000 Luzerner Liberalen, die im Rüebliland vorübergehend Asyl fanden, bedarf der Erläuterung. Die im Sommer 1845 in Luzern erfolgte Befreiung des nachmaligen ersten Nationalratspräsidenten Jakob Robert Steiger aus Büron/LU, wo am 13. Juni 2026 das vom Künstler Freddy Röthlisberger geschaffene Denkmal mit einem Fest gewürdigt wird, am 21. Juni 1845 in Luzern war die wohl bedeutendste Widerstandshandlung von (Polizei-) Beamten in der Schweizergeschichte: eine Tat im Zusammenhang mit dem 2. Freischarenzug von 1845. Dieser, angeführt vom späteren Bundesrat Ulrich Ochsenbein, von Aarau aus geplant vom damals revolutionär gesinnten Jakob Robert Steiger, missriet als totales Fiasko mit vielen Toten und Hunderten von Gefangenen aus Bern, Solothurn, Baselland und vor allem Aargauern. Letztere mussten für den horrenden Betrag von 200 000 Franken freigekauft werden, wogegen Abgeordnete aus den östlichen katholischen Bezirken des Kantons protestierten, so der hochoppositionelle Katholikenführer Johann Nepomuk Schleuniger, in dessen Zeitung „Die Botschaft“ 1866 eine mehrteilige Würdigung des in Sachen Demokratie auch für die Konservativen einflussreichen Philosophen Troxler erschien.
Als Widerstandsideologe der Freischarenzüge, keineswegs Anführer, wurde. Steiger als notabene wohl einziger damaliger Schweizer Freisinniger bei Einzelhaft im Luzerner Kesselturm von einer politisierten Justiz zum Tode verurteilt. Ein Abschieben an die „Galeeren“ nach Sardinien, wie vom klugen Konservativen Philipp Anton von Segesser zur Vermeidung eines Märtyrerkultes befürwortet, scheiterte. Steigers Widerstand, zwar nicht akkurat im Geiste Troxlers, der mit den jeweiligen kantonalen Schützenvereinen die Wahl eines eidgenössischen Verfassungsrates erzwingen wollte, beruhte auf philosophischen Vorstellungen von „Widerstandsrecht“. Solche Gedanken hatte Troxler, der Lehrer u.a. von Steiger, dem Aargauer Pädagogen Augustin Keller, dem späteren St. Galler Landammann Ferdinand Curt und dem Schwyzer Verfassungspionier Caspar Diethelm, 1819 in seinen Vorlesungen über die Revolution in England im 17. Jahrhundert vorgetragen.
Deren Vordenker waren der schottische Humanist George Buchanan und der britische Autor John Milton gewesen. Das Buch über Buchanan und Miltons Lehre über die Rechte des Volkes in einer Monarchie war für Troxler Basis für radikale Kritik an den autoritären Verhältnissen in der Schweiz zur Zeit der sog. Restauration, die in Luzern nachweisbar auf einem Putsch-Regime beruhte. Dies hatte Troxler bereits als Kritik an der Schweizer Abordnung im Wiener Kongress (1815) kritisiert, was zwar Metternich und andere undemokratische Potentaten von damals nicht beeindrucken konnte. Troxlers Vorlesungen über Buchanan und Milton, trotz Zensur und dank Skandal ein Bucherfolg und auf jeden Fall Aufsehen erregend, gab wesentliche Impulse für die Schweizer Regeneration 1830 bis 1848. Als Theoretiker des Schweizer bewaffneten Neutralität wandte sich indes Troxler stets gegen eine von aussen definierte Neutralität, was die Souveränität und Unabhängigkeit des Schweizerbundes einschränken würde.
Als Grossrat im Kanton Aargau verkündete Troxler im Zusammenhang mit der vorübergehenden Aufnahme von Polen 1833 (nicht 1832 wie mündlich im Vortrag), das Asylrecht als „die Blüthe unserer Neutralität“, eine „geschichtsbuchwürdige“ Rede. Bleibend bemerkenswert ist, dass die denkwürdigsten Asylanten im Kanton Aargau 1844/45 Luzerner Freischärler mit ihren Angehörigen waren, so zum Beispiel in Reinach AG, wo u.a. Franz Dula, später Seminardirektor Wettingen, als Bezirkslehrer einer fortschrittlichen Schule mit über 40 Mädchen tätig war. Die Dula waren polnischer Herkunft, einige von ihnen wanderten nach Amerika aus, so der später legendär erhängte Tom Dooley, bekannt geworden durch den Schlager „Alles vorbei, Tom Dooley“, was mithin auch noch ein bisschen an Schweizer „Wildwest-Verhältnisse“ im 19. Jahrhundert erinnert.
Einiges aus dem Manuskript des frei gehaltenen Vortrages
Ignaz Paul Vital Troxler, Bürger von Beromünster LU und Wohlenschwil AG, bedeutendster Schweizer Schüler von Schelling, Fichte und Hegel ist unter den grossen deutschen Idealisten der einzige konsequente Demokrat; in seiner Heimat viermal verhaftet, zweimal als Professor abgesetzt, streitbar in alle Partei-Richtungen, Wortschöpfer von „Biosophie“, „Anthroposophie“, „Regeneration“ und „radikal“ als politische Haltung, „Mittelschule“ als „Mitte“ der höheren Bildung. So dachte auch Jacob Burckhardt, für den sein Lehrpensum am Pädagogium ebenso bedeutsam war wie seine Hochschulvorlesungen. Troxler wurde überdies ähnlich wie der bayrische Oberstbergrat Franz von Baader kirchenkritischer Repräsentant katholischer Romantik, einer der Wiederentdecker der deutschen Mystik, dabei mit konservativ-revolutionärem eidgenössischem Geschichtsbild. Lebenslang kämpfte er gegen alle Arten von Dualismus in Form von falschen Alternativen, gegen reinen Idealismus und erst gegen Materialismus, gegen sturen Föderalismus und gegen freiheitsfeindlichen Zentralismus, gegen gewaltsame Revolution, auch Freischaren und äusserst polemisch gegen die Restauration von Karl Ludwig von Haller (1768 – 1854), aber auch gegen die romantische Rezeption des konservativen britischen Klassikers Edmund Burke. Als Verfechter der bewaffneten Neutralität der Schweiz lehnte er es aber ab, dieselbe in irgendeiner Form durch das Ausland definieren zu lassen; opponierte am Wiener Kongress gegen die Schweizer Delegation, welcher er die demokratische Legitimation absprach.
Zwar Jesuitenkritiker, aber Gegner der Klosteraufhebung, gegen Freischarenzüge verkrachte er sich mit seinen Freunden; veranlasste seine Schüler aber zur Preisgabe der Massen-Demokratie zugunsten auch kleiner Kantone wie Glarus, der bis heute weltweit konsequentesten Verwirklichung der direkten Demokratie. Kritiker des Parlamentarismus, insofern Partei- und Fraktionskonformismus die Wahrnehmung der Souveränität des Gewissens beschädigt. Glaubte im Sinne des romantischen Volksbegriffs an die Existenz eines Schweizer Volks der verschworenen Eidgenossen, auf der Basis von Freiheit, Treue und -Glauben, zwar überkonfessionell verstanden, freie Kirche im freien Staat, womit der alteidgenössische, zwar oft nicht funktionierende männerbündische getrenntkonfessionelle Konsens der „Brüder und Eidgenossen“ gemeint war. Bund und Kantone müssen in ihren Vorrechten um Ausgleich nicht nur bemüht sein, sondern diesen praktizieren, es gibt unveräusserliche Rechte der Gemeinden und Kantone, in Luzern zum Beispiel auch der kleinen Munizipalstädte Sempach, Sursee, Willisau und den Flecken Beromünster mit Selbstbestimmung. Darum ist das Zweikammersystem nach dem „Musterbild“ der Vereinigten Staaten absolut unabdingbar, weswegen Troxler und seine Schüler 1832/33 eine erste Verfassung des Bundesstaates verhinderten. 1866 wurde von Troxler der Handelsvertrag mit Frankreich, die damaligen „Bilateralen“ deswegen abgelehnt, weil Rechte von Gemeinden und Kantonen zum Beispiel in Sachen Einbürgerung unverhandelbar waren.
Deswegen wurde dem Radikalen Troxler Konservatismus vorgeworfen, wiewohl es eine Konsequenz der Selbstbestimmung des Staatsaufbaus von unten nach oben war. Als Staatsphilosoph erlaubte Troxler dem Volk sowohl konservative als auch radikal progressive Entscheidungen, vgl. die Geschichte der Glarner Landsgemeinden bis heute. Für die Schweiz konnte und wollte sich Troxler eine Revolution vorstellen, nämlich die nachhaltige Revision des Stanser Verkommnis von 1481, zu dessen Durchsetzung des Obrigkeitsstaates aus seiner Sicht Bruder Klaus, ein „gutmütiger Liberaler“, missbraucht worden war. Gemeint war die gegenseitige Abmachung der Unterdrückung demokratischer und landvölkischer Bewegungen durch die Tagsatzung, ein autoritäres System der Bundeslenkung. Als gewaltlosen Weg zum Bundesstaat stellte sich Troxler die Institution sowohl kantonaler Verfassungsräte als auch eines erstmals nach gesamtschweizerisch weitgehend gleichen Prinzipien gewählten Eidgenössischen Verfassungsrates, was sich nur teilweise durchsetzen liess, so in den Kantonen Luzern, Aargau, Zürich.
Als revolutionäre Massnahmen lehnte Troxler Freischarenzüge und Klosteraufhebungen ab, auch den nachträglich in seinen Resultaten gutgeheissenen Sonderbundskrieg. Zulässig schienen ihm gesamtschweizerisch bewaffnete Demonstrationen von diszipliniert geführten Schützenvereinen, die nach dem Vorbild von Schwanenwirt Heinrich von Fischer von Merenschwand im Aarau vor dem Rathaus eine kantonale Volksabstimmung in allen Bezirken, vollzogen durch Vollbürger, zur Wahl eines Verfassungsrates erzwangen. Auf diese Art wurde die AG-Kantonsverfassung bis heute sechsmal revidiert, zuletzt u.a. mit Beteiligung des Referenten, der acht Jahre lang Zeit fand das schweizerische Verfassungssystem über praktische Anwendung im Geiste Troxlers zu studieren. Im selben Ratssaal verkündete Troxler, nicht als Verfassungsrat das „Asylrecht als Blüthe unserer Neutralität“, hingegen als AG Grossrat (dank Bürgerrecht von Wohlenschwil). So wurde er ein denkwürdiger Parlamentarier. Bei der Nachricht von seinem Tode an der Aarmatte in Aarau am 6. März 1866 erhoben sich die Kantonsabgeordneten zu Ehren des nebst Zschokke wohl intellektuell bedeutendsten Mitgliedes ihres Parlaments im 19. Jahrhundert und wohl bis zum heutigen Tag.
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