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9. Ausgabe www.textatelier.com 26. 01. 2004

Was ist am Ghostwriting unanständig?

Beim Publikum ist das Staunen oft gross, wenn ans Licht kommt, dass jemand für seine Biografie oder für eine Rede einen Ghostwriter beschäftigt habe. „Die Welt will halt betrogen sein“, heisst es dann.

Ebenso könnte man staunen, wenn man das neu gebaute Haus eines Bekannten besichtigt und erfährt, dass er es nicht eigenhändig gebaut, sondern verschiedene Handwerker und sogar einen Architekten und einen Ingenieur beigezogen habe.

Für jede anspruchsvolle Tätigkeit gibt es Fachleute, und es wäre falsch, ihre Talente nicht zu nutzen, wenn man eine Aufgabe professionell gelöst haben will. Das ist beim Schreiben eines bedeutsamen Textes oder beim Vorbereiten einer wichtigen Rede nicht anders.

Dazu äusserte sich der Publizist und Unternehmensberater für Kommunikation und Text, Dr. jur. Jürg Raissig , Killwangen, am 14. März 2000 in einem Leserbrief in der „NZZ“ wie folgt (wir zitieren mit freundlicher Genehmigung durch den Autor):

„Intermezzo im Zürcher Kantonsrat. Eine Rednerin attackiert ihre Kollegin, sie habe ihre Rede gar nicht selber geschrieben. Die Angegriffene bestreitet das. Sie stellt klar, dass sie ihre Eröffnungsrede zu Beginn der Legislatur selbst geschrieben hat und nicht Ch. M., wie behauptet („NZZ“ vom 15. 2. 00).

Ghostwriting steht im Zwielicht. Redner werden immer wieder der Unredlichkeit verdächtigt: fremde Gedanken würden als eigene ausgegeben. Die Grenze zum Plagiat scheint erreicht. Kritiker nutzen das, um einen erfolgreichen oder einen gegnerischen Redner verächtlich zu machen. Warum dieser Purismus? Wirtschaft, Politik und Verwaltung sind arbeitsteilig organisiert. Ein Redenschreiber bietet eine besondere Leistung an, ein Redner kauft sie ein. Rechtsberater und viele andere Berater sind in gleichem Sinne tätig.

Was ist daran unanständig? Der Redner gewinnt mit einem guten Schreiber Zeit, Redequalität und berufliches Ansehen. Wesentlich ist, dass der Redenschreiber die Intentionen und Gefühle, das Wissen und Können des auftraggebenden Redners in die Rede einfliessen lässt. Redner und Schreiber sind darum zur Zusammenarbeit verpflichtet. Der Fall, dass ein Redner den Text eines bezahlten Schreibers unbesehen und unkritisch abliest, ist glücklicherweise sehr selten: die Kenner der Szene wissen das. Der Vorwurf fremder Hilfe beim Redenschreiben lässt sich leicht und genauso polemisch parieren. ‚Ich stehe im Ruf, Ghostwriter zu beschäftigen; das kommt daher, dass meine Reden gut sind. – Sie geraten nie in diesen Verdacht; das liegt daran, dass Ihre Reden schlecht sind.'“

Soweit der treffliche Leserbrief, der den Sachverhalt auf den Punkt bringt und sich mit meinen eigenen Erfahrungen vollständig deckt. Ich habe letzthin für einen Politiker die Eröffnungsrede verfasst, die dieser zu Beginn einer Veranstaltung hielt, von deren Thematik er keine Ahnung hatte. Zwar wäre der Politiker durchaus in der Lage gewesen, alles selber zu recherchieren und sich in die Thematik einzuarbeiten, hätte ihm genügend Zeit dafür zur Verfügung gestanden; an seinen Fähigkeiten lag es also nicht. Aber wäre es sinnvoll, wenn sich ein hochrangiger Politiker mit solchen Informationsbeschaffungen und Formulierungsaufgaben herumschlagen und dadurch seine wesentlichen Aufgaben vernachlässigen würde?

Die meisten Reden in Politik, Wirtschaft und auch im gesellschaftlichen Bereich triefen vor Formelhaftigkeit, Gedankenlosigkeit, Langeweile; man will niemandem auf die Fersen treten, keinen Widerspruch heraufbeschwören und übt sich in der aussichtslosen Kunst, es allen recht zu tun. Solche Reden sind eine Zumutung an die Zuhörer, die aus Anstand durchhalten müssen und nicht davonlaufen können, wie es eigentlich zweckmässig wäre.

Die Arbeit des Redenschreibers (englisch: Speech Writer) hat mehrere Vorteile: In die Rede fliessen die Gedanken, Ideen und das Wissen von 2 Personen ein; es ist eine abgewandelte, erweiterte Form des Gegenlesens . Der Schreiber kann auch mit dem Recherchieren beauftragt werden, und zudem wird er auch auf eigene Dokumentationen zurückgreifen. Dem Referenten sind die zeitraubenden Fleissarbeiten abgenommen, und er kann ihm schwer zugängliche Fakten und einen zusätzlichen Erfahrungsschatz nutzen, ohne eigene Ideen preisgeben zu müssen. Im Gegenteil: er kann sie aufstocken. Er hat eine üppige Auswahl von Elementen, die er nach Lust und Laune anwenden, nach seinem eigenen Temperament einsetzen und verwerten kann. Es ist einsehbar, dass das Resultat wesentlich besser sein wird. Und an diesem Resultat liegt schliesslich alles.

Die Wünsche (und Auffassungen sowie Eigenarten) des Referenten stehen selbstredend immer im Vordergrund. Für einen eher zurückhaltenden Menschen wäre der populistische Stil unangebracht. Der Auftraggeber gibt der Rede den letzten persönlichen Schliff. Am Ende ist es seine Rede, vor allem auch durch die Art und Weise, wie sie vorgetragen wird.

Er darf den Applaus getrost auf sein eigenes Konto verbuchen. Er hat unter anderem bewiesen, dass er imstande ist, die richtigen Quellen anzuzapfen. Würde das Wirtschaftsleben vermehrt nach solchen Prinzipien funktionieren, käme es zu weit weniger Pannen und Pleiten.

Walter Hess

 



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