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BLOG vom 04.12.2005


Eindrücke aus Warschau: Ganze Mahlzeit in einer Suppe
Autor: Emil Baschnonga
 
Das habe ich wieder einmal geschickt eingefädelt und meinen kurzen geschäftlichen Aufenthalt mit „Freistunden“ für die Besichtigung von Warschaus Altstadt angereichert.
 
Mit dem 1. Flug traf ich um 10 Uhr morgens in Warschau ein, an einem sonnigen Tag. Ich wechselte britische Pfunde (£) in die polnische Währung Zloty (PLN), buchte ein Hotel im Zentrum, kaufte einen Bus-Fahrschein am Kiosk und stand frohgemut an der Bus-Haltestelle.
 
Dort kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er sprach ein tadelloses Deutsch. Als Jüngling war er nach dem Warschauer Aufstand im 2. Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Bochum D verfrachtet worden. Er hat viele Jahre in Bochum verbracht, dort das Abitur nachgeholt und das Ingenieur-Studium begonnen. Ich konnte es kaum glauben, dass er 80 Jahre alt ist. Bis auf den heutigen Tag bleibt er in reger Verbindung mit seinem einstigen Arbeitgeber, und Studenten und Lehrlinge finden bei ihm immer gute Aufnahme.
 
Innert 30 Minuten hatte ich dank ihm einen ersten Eindruck über dieses riesige Land gewonnen. Warschau ist im geometrischen Mittelpunkt Europas mit einer Fläche von 322 500 km² (7,8-mal grösser als die Schweiz). Im 2. Weltkrieg wurde Warschau nach dem Aufstand der Bevölkerung – nicht nur im Getto! – zertrümmert. Nachher zogen die Russen ins Land, und Polens Leidensgeschichte setzte sich fort.
 
Bezeichnenderweise fehlt der klotzige Riesenpalast, den Stalin der Nation „geschenkt“ hatte, in den Reisebroschüren. Als wir im Zentrum ausstiegen, wies mein Reisegefährte auf die Turmuhr und meinte, diese sei das einzige Gute am Gebäude. Er hatte mir in Erinnerung gerufen, dass Fryderyk (Frédéric) Chopin (1810–1849) ein gebürtiger Pole war, Marie Curie (1867–1934) ebenfalls, die 1911 mit dem Nobelpreis für Ihre Entdeckung von Radium und Polonium, nach ihrer Heimat benannt, ausgezeichnet wurde. Sie liegt jetzt im „Panthéon“ in Paris begraben. Von einer weiteren Aufzählung möchte ich vorläufig absehen.
 
Eine Minute lang schüttelten wir einander tüchtig die Hände zum Abschied und wünschten uns viel Glück, Gesundheit – und besonders viel Spass!
 
Ich hatte mich getäuscht: Es gab in Warschau viel mehr zu sehen als ich glaubte. Die Altstadt ist, getreulich nachgebildet, wieder aus dem Kriegsschutt entstanden. Ich stand zuerst vor dem Bronzestandbild von Copernicus, in Goldlettern gemeisselt „Mikolajowiko Kopernikowi“, vor dem ehrwürdigen Gebäude der „Societas Scientiarum Varsaviensis“. Also noch einer aus der Galerie der polnischen Berühmtheiten.
 
Mitten im Strom der Studenten aus der nahen Universität näherte ich mich, mit Zwischenetappen, allerlei Palästen und prunkvollen Kirchen und der hohen Standsäule des Königs Zygmunt III., wohinter Gässchen ins Herz der Altstadt führten. Auf dem „Rynek Starego Miasta“ (Altstadtplatz) meldete sich mein Hunger. Ich warf noch einen Blick auf die Wassernixe in der Mitte des Platzes. Sie wurde wohl aus dem Fluss Wisla, der die Stadt durchzieht, gefischt, ehe die deutsche Abwehrlinie dort von den Russen überrannt wurde.
 
Zu meinem Leidwesen sind die Polen nicht sprachbegabt. Ich bat um Brot zu meiner Suppe in rund 5 Sprachen. Der Kellner brachte mir eine 2. Serviette. Nun ist es mein Fehler, dass ich kein Wort polnisch verstehe, aber immerhin ableiten konnte, dass Suppen aller Art das Menu beherrschen – und ich muss sagen: ausgezeichnet schmecken. Der Suppe folgte Fisch mit Salzkartoffeln.
 
Nachher klopfte ich, wie immer ohne Reiseführer, einfach der Nase nach gehend, viele andere Sehenswürdigkeiten ab. Dies hielt mich warm an diesem trocken-kalten Tag in Strassen, die noch mit den Resten des letzten Schneefalls gesäumt waren. Gegen 4 Uhr wurde ich von einem grossartigen Mandelgebäck in eine Konditorei verlockt. Dies hätte ich nicht tun sollen: Es war des Guten zuviel auf einmal. Erst gegen 8 Uhr abends hatte ich gerade noch Lust auf eine Suppe, mehr nicht.
 
Also denn: Ich kriegte eine Suppe, wie ich sie in meinem Leben nicht gegessen hatte, einfach weil ich die teuerste aus dem Menü gewählt hatte. Die Kellnerin setzte ein kugelförmiges Brot vor mir ab. Das sei wiederum des Guten zuviel, dachte ich mir und beschaute das Gebilde, bis mir aufging, dass in dieser Kugel die Suppe war. Ich hob den Brotdeckel ab, genoss den Duft und machte mich sofort ans Werk. Damit der Leser oder die Leserin diese Spezialität während eines Aufenthalts in Polen findet, habe ich die Komposition auf Polnisch abgeschrieben: „Zurak z biala kielbasa i jajkiem/podawany w chlebie." Auf allerlei Umwegen erfuhr ich, wie diese Suppe auf Deutsch heisst: Sauerteigsuppe mit Weisswurst und Ei im Brot serviert. Also eine ganze Mahlzeit in einer Suppe.
 
Anderntags konnte ich meinem eigentlichen Besuchszweck nicht entkommen. Ich verzichtete auf den 1. Taxichauffeur vor dem Hotel. Der 2. sprach einige Brocken Englisch und verstand, wohin ich wollte, rund 37 km ausserhalb von Warschau. Der Ort heisst Zakroczum. Dank dem netten Herrn, dem ich beim Flughafen begegnet bin, weiss ich, dass dies das 1. Auffanglager für die Zwangsarbeiter gewesen war. Dort hatte er eine Woche verbracht, ehe er nach Bochum abtransportiert wurde.
 
Die Autobahn E7 ist einige der wenigen guten Strassen in Polen. Links und rechts sind viele kleine Industriegebäude entstanden. Gegen das Ende meiner Fahrstrecke waren überall Schilder angebracht, auf neue bevorstehende Bauten auf den einstigen Feldern hinweisend. Ich kam mit dem Taxichauffeur gut ins Gespräch. Vor einer Woche erst hatte er sich als Taxifahrer selbstständig gemacht. Die Polen verdienen hundsmiserabel, in seinem Fall zuvor als Angestellter 1000 Zloty im Monat. Damit lässt sich nur knapp vegetieren. Kein Wunder, dass so viele junge Leute in die EU-Länder abwandern. Rund 18 % oder 3,2 Millionen der Bevölkerung sind arbeitslos. Nach wie vor sind die meisten Leute in der Landwirtschaft tätig.
 
Und um landwirtschaftliche Produkte ging es bei meinem Besuch bei einem wichtigen Gemüseanbauer und Verarbeiter von Eisbergsalaten, Kohlrabi und anderen landeseigenen Gemüsesorten. Zuvor hatte ich mich auf meinen Besuch vorbereitet und verschiede Supermärkte im Zentrum besichtigt. Das Angebot von Obst und Gemüse ist noch kümmerlich, keineswegs mit jenem in westlichen Ländern vergleichbar. Exotische Spezialitäten fehlen ganz und gar. Bei der angebotenen Ware handelt es sich vorwiegend um „Suppengemüse“. So sind wir schon wieder bei der Suppe angelangt …
 
Es liegt auf der Hand, dass „Convenience food“, also Fertiggerichte und vorgeschnittene Salate, auch in Poland Fuss fassen werden. Internationale Firmen werden ins Land gelockt. Polen wird sich ebenfalls grundlegend über die nächsten 6 Jahre verändern. Dies bestätigten mir meine Kontakte in der besuchten Firma.
 
Welcher Art werden diese Veränderungen wohl sein? Polen hat den Amerikanern und Briten rund 4000 Soldaten beigeschickt. Diese sollen Anfang nächstes Jahr, bis auf einen kleinen Restbestand, zurückgezogen werden. Hoffentlich bleiben die Polen von der amerikanischen Besatzungsmacht verschont!
 
Netterweise wurde ich nach meinem polnischen Intermezzo auf den Flughafen zurückgefahren und konnte gerade noch einen früheren Rückflug erwischen, der mir 5 Stunden Wartefrist ersparte.
 
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