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BLOG vom 30.03.2009


Geschichte und Gerichte im „Alten Landgericht“ in Lenzburg
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Ich nehme jede Schuld auf mich: Wenn wir im trauten Familienkreis auswärts essen, gibt es beim Akt des Bestellens jeweils intensive Diskussionen und Abklärungen über die Herkunft und Qualität der verwendeten Zutaten. Inzwischen habe ich gelernt, dass diese Gespräche mit dem Servierpersonal, ein Aspekt der erweiterten Geselligkeit zum Gastmahl, mithin zur Lust, in Gesellschaft ein wohlschmeckendes Mahl zu geniessen, gehören. Sie sind ein Teil der Vorbereitung und bewussten Einflussnahme auf bevorstehende Sinnesfreuden. Vielleicht ist es auch eine Massnahme zur Kontrolle des oralen Triebs im Bestreben, der Masslosigkeit entgegenzusteuern, wie es sich für uns Menschen als (in mancherlei Hinsicht) mundbetonte Wesen gehört.
 
Im Prinzip beginnt diese Prozedur jeweils bereits bei der Auswahl des Gasthauses. Urs (46) lud ein und schlug das Wirtshaus „Zum alten Landgericht“ in der Aavorstadt 18 in CH-5600 Lenzburg (www.landgericht.ch) vor, weil es vor allem saisonale Frischprodukte von Bauern aus der Region verwendet und auf eine möglichst bio-nahe Produktion achtet. Das stiess allgemein auf freudige Zustimmung, und wir reservierten einen Tisch für den Abend des 25.03.2009. Als wir beim Wirtshaus ankamen, war es draussen regnerisch, neblig und kalt. Das auch vor den Fenstern mit kerzenförmigen Lampen beleuchtete Gebäude aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dem leicht vorkragenden Fachwerk-Oberbau, dem Satteldach und dem polygonalen (vieleckigen) Erker machte einen wirklich einladenden Eindruck. Das teilweise geschwungene Rahmenwerk ist vom barocken Schönheitsempfinden geprägt.
 
Das Haus stammt aus der Zeit, als die von den Kyburgern gegründete Lenzburger Altstadt mit dem Herzstück der Rathausgasse nach Plänen des österreichischen Ingenieurs Alois Negrelli (1799‒1858) neu gestaltet („korrigiert“) wurde (1856). Negrelli war übrigens am Bau des Suezkanals massgebend beteiligt und verpasste der Rathausgasse eine ausgeglichene Steigung, indem sie bis zu 3 Stufen tiefer gelegt wurde als die bestehenden Hauseingänge. So hatte der Meister auch hier eine Art Kanal geschaffen – eine Fahrbahn, flankiert von einer bis zu 3 Stufen hohen Treppe als Damm. Seit dieser Strassenkorrektur ist das Haus zum alten Landgericht etwas versenkt, so dass die untersten Fensterbrüstungen fast auf Bodenhöhe sind. Ein Mäuerchen entlang der Strasse verhindert, dass der Verkehr unverhofft in einer Vertiefung landet. Damals haben Oberst Friedrich Hünerwadel (1779‒1879) und Oberrichter und Nationalrat Johann Rudolf Ringier (1797‒1879) das politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben in Lenzburg beeinflusst. So weit ein Kapitel Architekturgeschichte, nur nebenbei.
 
Im Inneren des ehemaligen Sitzes des Landgerichts der Grafschaft Lenzburg war es wohlig warm. Unser reservierter Tisch befand sich im 1 Stock, war mit 2 Orchideenblüten dekoriert und schön gedeckt. Der mit Holz ausgekleidete Raum mit Balkendecke hatte einen leicht schrägen Boden, wie es sich für ein Jahrhunderte altes Gebäude gehört. Wir fühlten uns hier gleich daheim und machten es uns gemütlich, was kein Kunststück war. Der freundliche, immer auf Spässe eingehende Kellner Sandro Jehle, ein Aargauer mit einem zentralschweizerischen Mischdialekt, erkundigte sich nach unseren Wünschen. Er schlug unter anderem Pouletbrüstchen mit Quarkspätzchen (ein Mehlgericht, das auch passionierte Ornithologen guten Gewissens essen dürfen) und frischen grünen Spargeln vor.
 
Damit trat er bei den beiden Damen Eva und Anita eine intensive Diskussion über die Herkunft und Haltung der in der Küche eingesetzten Hühner los, wie sie zu Zeiten von Herrn Hünerwadel wohl noch nicht nötig gewesen wäre. Das Geflügel stammte, wie wir erfuhren, zwar nicht aus zertifizierter Biohaltung, hatte aber den Freilandauslauf geniessen können und verfügte über mindestens 3 Quadratmeter pro Tier, wie Herr Jehle bei seinen gründlichen Recherchen herausfand. Das wurde akzeptiert. Mein quer im Hühnerhof stehendes Argument, man sollte eher zusammengepferchte Hühner von ihrem Leiden erlösen als ihre glücklichen Artgenossen umzubringen, wird bei solchen Gelegenheiten jeweils unter den Tisch gewischt, was ich mit Fassung trage.
 
Urs wich auf Bachforellen-Filets aus der Bioforellenzucht August Nadler in CH-5032 Rohr AG auf Blattspinat und Rahm-Ingwer-Rüebli mit Kräuter-Kartoffelschnitzen (43.50 CHF) aus. Und ich nutzte die Gelegenheit, wieder einmal an Kalbsleberli mit Portwein-Balsamico-Jus und eine knusprige Rösti heranzukommen (41.50 CHF). Die Wartezeit überbrückten wir mit einem Amuse-Bouche (Avocado-Mousse und Chili-Fäden), einer Rindfleisch-Kraftbrühe oder aber einem Frühlingssalat.
 
Die Hauptgerichte, von Jürg Bischofberger (53) mit dem Geschick des erfahrenen Meisterkochs sorgfältig zubereitet, wurden in viereckigen Tellern kunstvoll präsentiert. Die 13 Gault-Millau-Punkte sind zweifellos berechtigt. Jürg und Heidi Bischofberger richten im Landgericht seit März 2003 mit Sinn fürs Bewährte und fürs Kreative an.
 
Auf der Weinkarte entdeckte ich den nach bio-dynamischen Grundsätzen produzierten spanischen Wein „g“ Gago 2006, wobei es mir nicht gelungen ist, das Gago zu übersetzen, ohne bereits gaga zu sein; wahrscheinlich ist das einfach ein Name. Dieser Wein aus der „Tinta de Toro“-Traube aus den Bodegas (Weinkellereien) Toresanas Telma Rodriguez in der Region Castilla y León (58 CHF, 7 dl) war in der Nase leicht essigstichig. Das führte ich darauf zurück, dass wahrscheinlich auf eine Sulfit-Zugabe verzichtet worden ist, die solche kleine Fehlgärungen verhindern würde. Doch auf der Zunge liess der geschmeidig-füllige Wein mit den abgerundeten Tanninen keine Wünsche offen.
 
Wir vergnügten uns noch mit allerhand Desserts wie Schokomousse, Marillen-(Aprikosen-)Sorbet usf. und hatten übereinstimmend das Gefühl, hier ein wirklich gutes Haus (nicht nur im architektonischen Sinne) entdeckt zu haben. Ich war vor etwa 25 Jahren schon einmal hier gewesen und habe die Landgericht-Gerichte und -Atomosphäre von damals noch immer in bester Erinnerung.
 
Ich kann nach wie vor keine Klage gegen die Küchen- und Serviceleute im „Landgericht“ erheben, nur um wieder einmal hierhin vor Gericht zu kommen – im Gegenteil. Auch meine eigene, im Einstieg zu diesem Blog erwähnte Schuld ist zu relativieren: Diese menschliche Schuld entsteht zwar meistens am mythischen Schnittpunkt zwischen Bedürfnisbefriedigung und Lustempfinden. Im vorliegenden Fall sind aber mildernde Umstände übermächtig.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Gaststätten
27.02.2005: Polnische Ente im „Chinatown“ im kapitalen Aarau
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