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BLOG vom 17.07.2020


Ein „Achtzehnbittengebet“ als Hommage an Klaus von Flüe

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU


Ein Essay als Epilog zu Otto Höschles poetischen Betrachtungen zum Thema „Ranft“, der randständigen Abgeschiedenheit des umstrittenen Eremiten Nikolaus von Flüe (1417 – 1487)

P.M. Die 2016 im IL-Verlag erschienen «Achtzehn poetischen Betrachtungen zu Bruder Klaus» werden wie folgt vorgestellt: «Ein Besucher erblickt in der Zelle des Heiligen Niklaus von Flüe im Ranft das visionäre Radbild des Einsiedlers und erinnert sich an eine Eingebung, die vor vielen Jahren sein Leben veränderte und ihm neue Schichten seines Seins erschloss. Immer vertrauter werden ihm der Ort und der Heilige und er versucht sich vorzustellen, was in dem Einsiedler vorging, der vor fast sechs Jahrhunderten hier betete und fastete – zwanzig Jahre lang. Dies in Kürze der Inhalt dieser poetischen Betrachtungen, die dem Leser (…)  Bruder Klaus und seine mystische Spiritualität näher bringen wollen.»

Der unten stehende Text war ursprünglich als Epilog zum Buch vorgesehen, konnte vom Autor aber nicht akzeptiert werden. Was aber nicht geschrieben steht: Otto Höschle, Romanautor und poetisch kraftvoller Nachdichter von Poemen Oscar Wildes, gehört zu den Autoren der neueren Schweizer Literatur, die sich auf eindrucksvolle Art mit dem ehemaligen Söldnerhauptmann, Bauern, Ratsherr und Mystiker Klaus von Flüe (1417 – 1487) auseinandergesetzt haben. Wie ebenfalls, um nur einige zu nennen, Hans Rudolf Hilty (Bruder Klaus – Zwei Männer im Wald, 1981), Silja Walter (Feuerturm, 1987), Manfred Züfle (Ranft, 1998) und Adam Schwarz (Das Fleisch der Welt oder die Entdeckung Amerikas durch Klaus von Flüe, 2017). Im Gegensatz aber zum Beispiel zu Adam Schwarz (Pseudonym für Florian Oegerli) hat sich Höschle, nicht unähnlich der Nonne Silja Walter, lebenslang mit Bruder Klaus auseinandergesetzt. Bei Oegerlis genialischer Idee, Klaus von Flüe Kolumbus auf seiner Reise begleiten zu lassen, mutet das bewusste Bekenntnis zum Verzicht auf historische Recherchen teilweise peinlich an, und zwar nicht nur wegen der besonders inkompetenten «Porträtierung» von Bruder Klausens Sohn. Dem sprachlich über ein noch beachtliches Inventar verfügenden Jungautor ist indes entgangen, dass Kolumbus tatsächlich von einem Eremiten, Einsiedler vom katalanischen heiligen Berg Montserrat, begleitet war. Dieser las sogar als Priester die erste heilige Messe in der Neuen Welt.  Aus diesem Befund hätte man den Leser, die Leserin auf ganz andere Weise aufhorchen lassen können. Letzteres ist eine Leistung, die Otto Höschle mit seinem Buch durchaus erbringt. Doch scheint es am Tage zu liegen: Die neueren literarischen Adaptionen von Klaus von Flüe in der Schweizer Gegenwartsliteratur scheinen mir auf hohem Niveau gescheitert. Selbst ein so brillanter Autor und Redner wie mein Doktorvater Peter von Matt war bei seiner Festansprache (2017) in Sarnen über Bruder Klaus und Wilhelm Tell klar ungenügend vorbereitet. Dass der Erstschreiber der Geschichte von Wilhelm Tell zugleich auch der Schreiber von Bruder Klaus war, einschliesslich Nennung des Zaunrechts, war ihm schlicht noch nicht aufgefallen. In bester Gesellschaft mit dem Rest zum Beispiel der Schweizer Geschichtsprofessoren, die sich im Hamsterrad der «Qualitätskontrolle» abplagen müssen. Auch der Redenschreiber von Bundespräsidentin Doris Leuthard war schlecht beraten: Sie stellte Klaus von Flüe als einen Menschen vor, der seinen Mitbürgern ohne Misstrauen begegnet sei. Der Wortlaut des Testamentes bestätigt aber Klaus als den wohl misstrauischsten Heiligen der Kirchengeschichte: Nicht nur Pilger, selbst Priester könnten jederzeit die Ranftkapelle und die Einsiedelei nach Andenken ausplündern, weswegen der Küster auf diese sehr aufpassen müsse.  Meine eigene Beschäftigung mit Klaus von Flüe begann 1956 und ist noch in keiner Weise zum Ziel gekommen. Ein nächster Versuch gilt einer Geschichte der Mystik in der Schweiz.

Zwischen Sulz am Neckar, wo Autor Otto Höschle am 21. Januar 1952 das Licht der Welt erblickte, und Horb am Neckar, wohin Schreiber Heinrich Morgenstern auf Auffahrt 1471, also am 23. Mai, aus der Schweiz heimgeschickt wurde, liegt heute eine Distanz von 15 in ruhigen Stunden staufreien Autominuten. Zu Hause hinter dem Ofen hielten es die beiden weltläufigen Schwaben nicht aus. Morgenstern und Höschle sahen sich in je einmal im Leben in die Lage versetzt, ihre Sicht auf Bruder Klaus zu verantworten; der eine gerichtlich, der andere literarisch.

Heinrich Morgenstern von Horb, der erste gerichtlich bestrafte Lästerer eines lebenden Heiligen. wurde im Mai 1471 für alle Zeiten aus der Schweiz ausgewiesen. Otto Höschle kam im Alter von neun Jahren von Sulz nach Kerns, die Taufstätte von Bruder Klaus, den seine Grossmutter über alles verehrte. Mittlerweile nennt sich Höschle „Bürger von Obwalden“. Damit scheint die Fremdheit eines Eingebürgerten angedeutet. Der Ausdruck wurde von den Einheimischen, von denen die meisten mit Klaus von Flüe verwandt sind, mit Ausnahme einer kurzen revolutionären Phase um 1798 in der Regel von sich gewiesen. Der reiche Schwabe Rudolf Mettele der Ältere von Ravensburg, ein Vorläufer von Franz Beckenbauer, erwarb sich am 1. September 1465 auf dem Sand von Wisserlen (heute Kapelle und Gaststätte) für das Heidengeld von 60 Rheinischen Goldgulden gleichzeitig das Landrecht von Nidwalden und Obwalden. Um „Landsmann“ zu werden, bedurfte es für ihn des Beschlusses einer gemeinsam tagenden Landsgemeinde beider Zwergrepubliken. Mit dem hochpolitischen Beschluss aller Stimmberechtigten für oder gegen die Aufnahme eines Ausländers drückte sich das damalige Verständnis der Souveränität über das Eigene aus.

Der „Milliardär“, wie man ihn heute sehen würde, Mettele, später Mötteli genannt, dessen Tochter als Äbtissin von St. Katharinenthal (Thurgau) die Legende von der Rettung des Klosters durch den Hauptmann Klaus von Flüe der Welt anvertraute, war zur Zeit von Bruder Klaus nicht der einzige von „draussen“, der in Rufweite des Ranft in die Geschichte einzugehen trachtete. Einen teilweise segensreichen Einfluss erlangte Bruder Ulrich aus Memmingen, war er doch ein in mystische Lehren und Techniken eingeführter Kleriker und späterer Rompilger. Für die Besucher von Klaus von Flüe wurde der Miteremit vom Möösli ein geeigneter Moderator, war doch der „lebende Heilige“, wie ihn Mailands Gesandter Bernardino Imperiale nannte, oft nicht ansprechbar und in der Regel für erwartete Ratschläge aus eigener Einschätzung nicht kompetent. Des Lesens und Schreibens mächtig, nahm Bruder Ulrich spätestens nach dem Tod von Landschreiber Hensli Schriber (vor 1. Mai 1479) Einfluss auf die Sichtweise, die nach aussen über den Wundermann zu vermitteln war. Der Franke Ernst Ludwig Rochholz nannte es die „Schweizerlegende vom Bruder Klaus von Flüe“ (1875).

Was noch 1984 aus päpstlichem Munde über den Heiligen vermittelt wurde, war ungeprüfte Propaganda. „Lasset das Recht das Böseste sein!“, hatte Klaus die Berner einmal gemahnt. Der Redenschreiber des Papstes, ein Schweizer Weihbischof, dachte wohl, das könne nicht stimmen. Tönte es nicht schon fast nach Friedrich Dürrenmatt, dem Denunzianten der Rachefunktion des Rechts. Darum legte der Schweizer Weihbischof dem Papst in den Mund: „Lasset das Recht das Beste sein.“ Bei Otto Höschle wird diese Hilflosigkeit angedeutet:

Die Päpste, die Mahner, die Guten im Geist,
sie alle ergreifen die Mikrofone (…)
ergreifen die Massen und sehen
sich umjubelt und stehen
doch da wie einsame Bäume

Die Möglichkeit der Existenz eines lebenden Heiligen hatte man noch 1471, wenige Jahre vor dem Eintreffen von Bruder Ulrich in Kerns, der späteren Wohnstätte von Otto Höschle, am Neckar nicht anerkennen wollen. Am Hochrhein und im Schwabenland stand der Ruf der Eidgenossen um 1468/69 auf einem Tiefpunkt, nicht nur wegen Plünderungen und Brandschatzungen in Waldshut und Raubzügen vom Sundgau bis in den Schwarzwald. Gemäss dem Nidwaldner Landrecht existierte das Schimpfwort der Schwaben gegen die Schweizer schon 1456: „Kuhgehiger“, Kuhschänder, später zu Kuhschweizer verharmlost. Das war zur Zeit, da Ratsherr Klaus von Flüe innerhalb und wohl auch ausserhalb Unterwaldens als Schiedsrichter und Friedensvermittler im Einsatz stand. Gemäss dem Nidwaldner Text war die Aussage „Du Kuhgehiger“ ein „Friedbruch“ erster Klasse. Derselbe erfolgt entweder mit der Drohung durch die Waffe oder dann – nach der Berner Justiz - durch das „schalkhafte und böse Wort“. Letzteres lässt die Urfehde (Landesverweis) gegen den Schwaben Heinrich Morgenstern vom 18. Mai 1471 durchblicken:

„Ich Heinrich Morgenstern, der Schriber von Horb, vergich mit disem brieff, als ich (…) in miner gnedigen Herren gevangnusse komen von etlicher schalkhafter und böser worte wegen, so ich an etlichen enden freventlich (…) geret und offenlich gesprochen, der gut fromm und sellig man bruder Claus von Flû ze Underwalden were ein kuhggehiger, (…) und man hette selten noch nie vernomen, das (…) sunders in den Eidgnossen kein heilig noch sellig man were worden.“

Erstens also, Klaus von Flüe treibe es mit den Kühen, und zweitens sei die Schweiz ein Land, in dem selten oder nie ein heiliger oder seliger Mann gelebt habe. Erstmals in der Rechtsgeschichte der Schweiz, wenn nicht Europas, wird hier ein lebender Mensch Gegenstand eines Blasphemieprozesses. Seit dem 27. April 1469 war Klaus von Flüe als „lebender Heiliger“ approbiert, mochte es der Bischof von Konstanz auch nicht so gemeint haben.

Das Leben des nahezu in Rufweite seiner Angehörigen lebenden abgeschiedenen Einsiedlers erfolgte unter der Kontrolle seiner Familie, eines angestellten Ranftkaplans und des Miteremiten aus Memmingen. Zusammen verwalteten sie das Geheimnis von Bruder Klaus. Der Versuch von Bruder Ulrich, wie das Familienoberhaupt zu fasten, wurde nach wenigen Tagen abgebrochen. Zum Fasten lesen wir bei Otto Höschle in der siebenten von 18 Betrachtungen: „Er war der Welt abhanden gekommen.“

Er, der Nahrung entbehrend,
gab sich selbst hin als Nahrung
Die Leere des Fastens erzeugte den Sog,
der die Seelen der Menschen erfasste,
der die Bündel sie packen,
die Schuhe sie schnüren,
die Pilgerhüte sie nehmen liess.

Die „Achtzehn poetischen Betrachtungen“ sind im Anschluss an Otto Höschles Nachdichtungen von 34 Gedichten von Oscar Wilde zu verstehen, als zweisprachige Ausgabe 2015 unter dem Titel „Die Sphinx“ erschienen. Im Vordergrund steht bei Wildes „Ballade vom Reading-Zuchthaus“ das Motiv der abgründigen Existenz des Gefangenen in der Zelle. In Höschles eigenständigem Poem „Ranft“ dominiert die ursprüngliche Eremitenfarbe Grau: der graue Hut, die graue Hose, die graue Jacke, der graue Bart. Dem entspricht der Leitvogel des Textes, die in der Umgebung des Ranfts häufig zu beobachtenden motacilla alba, Bachstelze:

Das Schwanzwippen der Bachstelze auf
dem kürbisgrossen Stein inmitten des Fliessens.

Höschles Text hat eine frühe Entsprechung aus dem Dominikanerinnenkloster Villingen aus dem 14. Jahrhundert. Die Nonnen lebten, zwar nicht sehr weit von Horb und Sulz, doch schon näher bem Ranft. Es lebten dort auch Schweizer Schwestern. Barbara Hufeisen liess sich von der Schreiberin des Klosters, nach Walter Muschgs „Mystik in der Schweiz“ einer mittelmässige Schriftstellerin, als „Wasserstelzlein“ charakterisieren:

Ein Wasserstelzlein ist mein Nam‘,
Mässigkeit mein Gesang;
Ich will dich lehren nüchtern sein,
Wasser trinken für den Wein;
Doch soltu es so streng nicht machen,
Dass du zuweilen noch magst lachen.

In diesem treuherzigen Text, Bruder Klaus näher stehend als jede heutige Dichtung, wird das Grau durch schwäbischen Humor aufgelockert. Sonst steht die Farbe Grau für die ununterbrochene Anfechtung in der Leere. Ein kritischer Punkt auf dem Weg von der Aszese zur Meditation und von da zur Union. Im Sinne des Mystikers Johannes Tauler deutet sich die „Arbeit der Nacht“ an, „jenes mittlere Wegstück in einer grossen Krise, das vom Betroffenen nicht eigentlich mehr als Weg, vielmehr als Ausweglosigkeit erfahren wird.“ So formuliert es Tauler-Biographien Louise Gnädinger. Höschle drückt es in der eingedeutschten „Ballade vom Reading-Zuchthaus“ so aus:

Die Mitternacht im Herzen stets
   Und Zwielicht in der Zelle,
So drehn wir die Kurbel, ziehn wir das Seil
    Ein jeder in seiner Hölle.
Und die Stille ist viel schlimmer noch als
    Der Glockenklang der Hölle.

Das Motiv der Gefangenenhölle wiederholt sich im Zyklus Ranft:
In angsterfültter Nacht/hängen da Menschen an Kreuzen,
im Fleisch, in der Seele, im Herzen
die Spiesse misslungenen Daseins,
frei und doch gefangen im Käfig der Not (…)
vom Zwang der Unrechtsnägel
in Adern und Sehnen gebohrt

Das Gefängnis der justiziabel Eingekerkerten, zu denen Oscar Wilde gehörte, ist mit der Eremitenzelle nicht zu verwechseln. Dabei sind freilich die Anfechtungen dessen, der den bei Höschle ebenfalls vorkommenden „Versuchungen des heiligen Antonius“ ausgesetzt ist, grundsätzlicher und heilloser. Es gibt keine Hoffnung auf Freilassung. Mitteldochdeutsch heisst der Zustand der mystischen Depression „untrost“. Fällt die Gnade ein, ist das Gegenteil nicht ausgeschlossen. Nur erfolgt die Einung, die Gotteserfahrung als Gottesbegegnung erst, wenn sie in keiner Weise mehr erwartet wird. Meister Eckhart hätte gesagt: „weiselos.“

„Horb“ am Neckar, die Heimat des Schreibers Morgenstern, heisst „Stätte im Morast“, so wie Horw bei Luzern, eine ehemalige Einsiedelei mit dem polizeilich verfolgten Propheten und Meteorologen Peter Cunert, auf die einst als unwohnlich empfundene Lage am See hindeutet. Demgegenüber hat Höschles Heimat Sulz mit Salz zu tun: dem Prinzip des Festen, Unverderblichen, biblisch das „Salz der Erde“. Das Leben führte den Autor über Obwalden, wo er das ehemalige Benediktiner-Kollegium Nikolaus von Flüe besuchte, zur Mitarbeit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Der studierte Arabist kam in Biblische Lande, eine Erfahrung, die er mit dem Jerusalemthriller „Gutland“ mit bescheidenem literarischem Erfolg verarbeitete. In einem erneuten Studium beschäftigte sich der Literat Höschle mit dem Koran, dem Sufismus, den tanzenden Derwischen, aber auch mit der Kabbala und allgemein mit dem Judentum. Gehalten von der Begeisterung eines Friedfertigen von heute. Dieselbe Einstellung zum Islam glaubte man sich zur Zeit von Klaus von Flüe noch nicht leisten zu können. Damals wurde auf päpstlichen Befehl das Elfuhrläuten gegen die dem Abendland drohende Islamisierung eingeführt. Zur Stunde des Satans (11 war damals die Unglückszahl) war 500 Jahre lang gegen die Gefahr anzubeten, an die Aufgeklärte des 21. Jahrhunderts zu glauben sich weigern.

Der Untergang der oströmischen christlichen Zivilisation war das bedeutendste historische Ereignis zu Lebzeiten von Klaus von Flüe. Als Papst Benedikt XVI. dies in Regensburg sachte andeutete, wurden im Arbeitsbereich des Roten Halbmondes postwendend Nonnen geschlachtet, das Ende der fröhlichen Vogellieder. Die Reliquien von St. Nikolaus sind schon vor der Zeit von Klaus von Flüe in den Westen nach Bari umgezogen. Seine Geschichte war, auf den Fresken der Kernser Kirche St. Niklausen, dem nach dem mächtigen Bischof von Myra getauften Heiligen ununterbrochen präsent.

Im Gegensatz zu seinem Miteremiten und seinem jüngsten Sohn war Klaus von Flüe, wohl vor allem mathematisch und musikalisch begabt, Analphabet und wie der heilige Prophet Muhammad auf einen Schreiber angewiesen. Derselbe musste sich vor Muhammads Engel Gabriel nicht verstecken. Hensli Schriber war der erste Chronist von Wilhelm Tell, nach Peter von Matt der einflussreichste mittelalterliche Schweizer Autor. Wie seine Landsleute kein Apostel der Gewaltlosigkeit. Es gab keine Freiheit ohne die Waffe in der Hand. Was Klaus von Flüe als Kriegsmann erlebt hat, muss traumatisch gewesen sein. Beeindruckend sein als „mildernd“ bezeichneter Einfluss zum Beispiel bei der Hinrichtung der Besatzung von Greifensee im Alten Zürichkrieg. Während nach Chronist Hans Fründ die Schwyzer und Urner für Verbrennen der Entsetzten waren, stimmten die Unterwaldner und Luzerner für Köpfen. Mit Gandhi und Mutter Teresa ist das nicht zu verwechseln. War der Name Jesu der auch bei Otto Höschle zitierte Gruss von Klaus von Flüe, so sagte der Heilige fast immer nur „Gott“, wenn er Jesus meinte, „das Leiden Gottes“, welches ununterbrochen im Herzen zu tragen war. Darüber hinaus war Jesus für ihn nie Bruder, was Miteidgenosse bedeutet hätte, sondern Weltenrichter ohne jede Rücksicht auf ungerechte Landsgemeindebeschlüsse. Wie Klaus von Flüe selber eingestand und Paracelsus es später analysierte, verleibte er sich die Hostie rein geistig, mit den Augen ein. Geschweige denn, dass er sie je mit der Hand berührt hätte. Das in den Schweizer Landeskirchen beinahe abgestorbene Sakrament der Beichte war seine wichtigste geistige Kommunikation. Da sich schon kaum mehr einer für einen Sünder sah, musste man als Eremit hinstehen und der letzte Sünder sein. Wie es dem Frühhumanisten und Kartographen Albrecht von Bonstetten, hochadliger Mönch von Einsiedeln, an Silvester 1478 bei seinem Besuch auffiel, war die Zelle von Bruder Klaus vollständig leer. Es gab weder eine Ruhebank noch den später hundertfach ausgewechselten Stein als Kopfkissen. 1457 verweigerte Klaus an der Spitze seiner Gemeinde die Kirchensteuer. Vorübergehend waren deswegen er und seine Mitchristen vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. Klaus gewöhnte sich daran, in Kerns beim Pfarrer seines Vertrauens zu beichten.

Idyllische Vorstellungen, die man sich von ihm machte, dienten jahrhundertelang zur Beruhigung der Ranftpilger und der Verehrungsmasse der Hunderttausend, die nach Abt Trithemius von Sponheim, dem Lehrer des Paracelsus, von seiner Heiligkeit überzeugt waren. Wie man sich den winterlichen Besuch Bonstettens bei Bruder Klaus vorstellen könnte, lesen wir bei Otto Höschle:

Schrumpfte die Haut und zogen die Muskeln
Sich zitternd zusammen im kalten Hauch
Der frostigen Tage, der Winternächte?

Einsiedelns gelehrtester Mönch fand anstelle von Zelleninventar nichts als einen pur lauteren Menschen. Damals lebte Wilhelm-Tell-Chronist Hensli Schriber noch. Als einstige Fahrende Schüler hatten die beiden Schreibkundigen einander wohl mehr zu sagen als vom Analphabeten in der Zelle mitbekommen konnten. Was war aus der Sicht des fastenden Schweigers „das Nützest“? Die Forschung hat den Text von 1485 erst vor wenigen Jahren sichergestellt. Es handelt sich mutmasslich um eine der sichersten authentischen Aussagen des Eremiten.

„Dass der Mensch reinen Gewissens ist, dass er wenig Worte macht, gern allein ist, oft ehrlich seine Sünden und Fehler bekennt, und an Speise und Trank nicht mehr als notwendig nimmt. So bereitet er dem Herrn die Stätte. Wenn die Stätte bereitet ist, dann kommt der Herr und besetzt die Stätte und lehrt den Menschen zu betrachten sein Leiden, den Tod und das Jüngste Gericht und was des Herrn Wille ist.“

Diesen kargen Worten auf dem Weg der meditativen Dichtung Paroli zu bieten, schafft keiner. Was Otto Höschle mit seinem Poem zu Wort bringt, ist vielleicht eine Näherung an das Achtzehnbittengebet in der Synagoge. Bei den Juden dominiert jedoch der Kollektivbezug. 12 Bitten betreffen das Volk Israel, nur bei deren 6 steht der Einzelne vor seinem Gott. Für Höschle, den die Paraphrasierung von Descartes, dem Vater der Moderne, ein für allemal von Bruder Klaus trennt, liegt das Subjektive näher. Ein schönes Wort in der 12. Betrachtung über den Frieden lautet „Eintracht“. Mittelhochdeutsch „eintraht“. Eine Umschreibung und Verdeutlichung dessen, was heute unter „Solidarität“ verstanden werden könnte. Der Abschnitt beginnt mit den sieben Hauptsünden, gipfelnd in der „Habgier“. in der Vision des Pilgers „Eigennutz“ genannt. Später für den Reformator und Bruder-Klaus-Bewunderer Zwingli die Hauptsünde seiner Landsleute.

Fehl schlagen alle Versuche, in die Ehe des Heiligen hineinzublicken. Mit einem Satz geht Höschle, trotz Idealisierung, wohl nicht ganz fehl. Sie war ihm heilig, heiliger wohl als alles Irdische sonst. Dies schliesst den gegenüber dem Biographen Heinrich Wölflin eingestandenen Überdruss vor dem Familienleben nicht aus, für Klaus von Flüe eine unerhörte Sünde. Dabei war er für die Familie, in deren Nähe er in seiner Abgeschiedenheit lebte, dauerhaft präsenter als jeder „draussen in der Welt“ Hochleistung erbringende moderne Berufsmann, zu schweigen von Kaderfrauen in Regierungen und Wirtschaft. Höschle spricht von „Einkehr ins Eigene, nicht fern von den Seinen“. Die Familie bleibt geheiligt im Geheimnis. Bei einem Bauernpaar, das nicht um des individuellen Glückes willen heiratete und zehn Kinder zeugte, kann von Eros, wie das Wort bei Platon positiv und bei Paulus negativ konnotiert ist, kaum die Rede sein. Die ekstatischen Erfahrungen des Männertänzers belegen sich nach dem Zeugnis der Pilgervision als fasziniert von der nackten männlichen Schönheit: „Wollust und Begier“ beim Anblick des vollständig durchsichtigen Gewandes des Pilgers. In Sachen Intensität erzeugt die Homosexuellenpropaganda der Gegenwart Mitleid. Denkt man indes an die vielen tausend Nachkommen und Verwandten des Landesvaters Klaus von Flüe, so war es trotz einem Minus an Selbstverwirklichung wohl keine falsche Entscheidung, die noch 1474 als jugendlich-schön geschilderte Dorothea Wyss zu heiraten. Erotische Erfahrungen wie die des Pilgers mit den dunklen magnetischen Augen stimmen mit den Vorstellungen des faktischen Religionsstifters Paulus von der christlichen Ehe nicht überein. 

Klaus von Flüe, der als Fünfzigjähriger in der Lebenskrise einen gescheiterten Versuch machte, wie Adrian von Bubenberg seine Familie für eine längere Pilgerfahrt zu verlassen, wird durch die lyrischen Betrachtungen von Otto Höschle einer heutigen Leserschaft anschaulich und zugleich reflexiv vor Augen geführt. Der Einbezug nichtchristlicher Religionen kommt einer heutigen synkretistischen Spiritualität entgegen. Klaus von Flüe, nicht einmal auf den Konsum der Hostie angewiesen, bleibt eine überkonfessionell näherbare geistige Gestalt. Die Sprache des Poeten ist genauso wie die Biographie eine sinnvolle Möglichkeit, das Alphabet eines Analphabeten zu entziffern. Manchmal trifft man es. Manchmal haut man daneben. Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, höhnte mal ein schlagfertiger Politiker. Dabei bezeichnete Helmut Schmidt, eine trotz Nikotinsucht nach ethischen Massstäben handelnde Persönlichkeit, den Frieden als das wichtigste Anliegen seiner Karriere. Von einer politischen Karriere kann bei Klaus von Flüe im Gegensatz zu vielen seiner Nachkommen nicht die Rede sein. Er hatte es noch ganz anders mit dem Frieden. Dazu der lyrische Interpret Otto Höschle:

„Der Friede stand ihm nicht zu,
nichts stand ihm zu,
denn nichts war ihm Zustand.“

Ich grüsse an dieser Stelle meinen geschätzten Kollegen Otto Höschle, auch verdienstvoll aktiv im Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband (ISSV), gegründet 1942 (als dessen Pionier, Josef Konrad Scheuber, in schwerer Zeit hohe Hoffnungen auf Bruder Klaus setzte), mit hohem Respekt.

 


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