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BLOG vom 09.04.2005


„Das Sonnenkind“ – selbst verschuldet dank Kreditkarte

Autor: Emil Baschnonga

In England gibt es mehr Kreditkarten als Leute: 67 Millionen. Viele Leute haben eine gute Handvoll von Kreditkarten. Inzwischen sind die Kreditkarten-Schulden auf £ 2 Billionen angeschwollen. Andere Schulden hinzugerechnet, sollen die Engländer einen Schuldenberg von insgesamt £ 1 Trillion haben, einschliesslich Hypotheken (1 englisches Pfund ist im Moment 2.27 CHF wert). Die imposante Zahl Trillion (besteht in England aus 1000 Billionen, wobei 1 Billion = 1000 Millionen entspricht  − auf USA-Usanz abgestützt). Solche Zahlen sind für mich ein mathematisches Niemandsland, das ich nicht verstehe und das mich ausserdem ganz und gar nicht fesselt.

Ausserhalb Englands sind die Kreditkarten bedeutend weniger verbreitet. Die Schweiz ist diesbezüglich sozusagen unterentwickelt. Dem ist gewiss so, jedenfalls vom Gesichtspunkt der englischen Abreisser-Banken aus gesehen. „Erzkonservativ“ trifft wohl den sparsamen Gebrauch der Schweizer von Börse und Kreditkarten besser.

Der gute englische Mittelstand wird oft beneidet. Vergessen wird, dass sich ein Grossteil der vermeintlich Wohlhabenden immer tiefer ins Schuldenloch wühlt. Eines wird durch ein anderes gestopft. Wer eine Kreditkarte gegen eine andere austauscht, gewinnt eine zinsfreie Periode von 6 Monaten, bevor die Schraube erneut satt angezogen wird. Der Wert des Eigenheims ist in die Höhe geschnellt. So kann die Wertsteigerung prompt durch neue Darlehen abgeschöpft werden. Viele Paare verdienen weit über dem Durchschnitt. Beide arbeiten in gut bezahlten Berufen, und ihr Gesamtverdienst beträgt oft mehr als £ 60 000 im Jahr. Kinder kosten viel, besonders wenn sie von einer Nanny betreut werden (£ 12 000 im Jahr). Am Ende des Monats muss ein Minimum beglichen werden, damit die Kirche im Dorf bleibt. Damit ist nur eine kurzfristige Verschnaufpause gewonnen.

Verzichtet die Dame auf ihre Haarpflege, die monatlich £ 190 beansprucht? Nein. Verzichtet das Paar auf Luxusferien? Nein. Die Reise nach Havanna (Kuba) ist bereits gebucht (Flugpreis pro Person über £ 600). Die Kleinkinder werden der Nanny anvertraut. Ein neues Auto, das jenem des Nachbars nicht nachsteht, wird demnächst zum Abstottern ausgeliefert. Ist ein Ende der Prestigeausgaben in Sicht? Ja, wenn die Bank schliesslich den Kredit abklemmt. Selbst verschuldet.

Da lobe ich mir meine Eltern, die mir früh den Satz beigebracht haben: „Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert.“ Diese alte Schweizer Volksweisheit ist bei mir derart eingefleischt, dass ich mich nach jedem Penny auf der Strasse bücke und ihn sozusagen als gutes Omen auflese. Als Berater weiss ich, dass man manchmal gut verdient, manchmal schlecht. Wenn es gut geht, lege ich etwas „auf die Seite“. In der Regel achten meine Frau und ich darauf, dass wir preiswert einkaufen. Aber jede Regel wird dann und wann gebrochen. Als ich noch viel unterwegs war und unter grossem Zeitdruck arbeiten musste, kam es immer wieder vor, dass ich mich belohnte . . . Selbst verschuldet.

Dazu ein Beispiel: Ich entschlüpfte früh nachmittags der Projektarbeit bei einem Kunden. Eigentlich wollte ich ganz allein für mich um die Ecke bloss einen starken Kaffee trinken. Unterwegs sichtete ich in einem Antiquitätengeschäft etwas, das mir sofort in die Augen stach: Stolze 33 cm steht die weibliche Nacktfigur mit ausgestreckten Armen auf einer Goldkugel. Der Porzellanmodelleur Karl Tutter (1883−1969) hat sie entworfen, Hutschenreuther sie verwirklicht. Sie heisst „Das Sonnenkind“. Zum Werweissen hatte ich keine Zeit, denn am Ende des Tages musste ich auf dem Flughafen sein.

So kam es stracks zum Impulskauf, dank Kreditkarte. Schliesslich habe ich das Geld nicht herausgeschmissen, überzeugte ich mich, wie schon oft zuvor auf dem Rückflug. Das Sonnenkind hat seinen Ehrenplatz zu Hause gefunden, nachdem ich meine Frau mit ihrem Lieblingsparfüm besänftigt hatte: zollfrei – eben mit einer Kreditkarte gekauft. 

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